Leseprobe
Fatima in der Zisterne
Es war eine große Stadt, die da direkt an der Mündung eines Flusses lag, der weiter zum Meer floss. Links und rechts des Flusses erhoben sich zwei sanfte Hügel und auf dem einen stand der sehr weitläufige, sehr schöne Palast des Sultans. Seine hellblauen, glänzenden Kuppeln und vier schmale, hohe Türme mit vergoldeten Kuppeldächern ragten weit in den Himmel hinein, und waren das Erste, was ein Besucher der Stadt bemerkte, der unten am Hafen ankam und den Hügel empor sah.
Unweit des Palastes lag die große Zisterne. Vor dem Eingang dieses unterirdischen Gewölbes stand ein prächtiges Brunnenhaus, bei dem nicht nur der Wasserträger der Stadt frisches Wasser schöpfte, sondern auch die Bürger der Stadt, die in den Häusern rund um den Palast lebten. Die Zisterne war sehr alt und es gab schon immer einen Zisternenmeister, der darum besorgt war, das Wasser sorgsam zu hüten und zu pflegen. In dieser Zeit, von der ich Euch berichte, war Zahir der Hüter der Zisterne. Sein Onkel, der alte Zisternenmeister, hatte ihm alles beigebracht, was es rund um die Zisterne und das Wasser, das Leben bedeutete, zu wissen gab.
Zahir lebte mit seiner Frau und seinem einzigen Kind, seiner Tochter Fatima, in eben dieser Zisterne. Direkt am Tor der Zisterne lag sein bescheidenes Heim, zu dem man gelangte, indem man nicht die Treppe in die Zisterne hinabstieg, sondern einfach links abbog und in die Gemächer Zahirs gelangte. Es war ein einfaches und beschauliches Leben, das sie da führten. Zahir sorgte für reines, Leben spendendes Wasser im Palast, und so sorgte der Palast für den Unterhalt seines Lebens und Zahir war es zufrieden.
Fatima war sein Augenstern und er liebte sie über alles. Sie war ein schönes Mädchen mit seidig schwarz glänzendem Haar, das sie zu zwei langen Zöpfen flocht, mit deren Enden sie gerne spielte, wenn es ihr langweilig wurde. Aber für Langeweile blieb Fatima nicht sehr viel Zeit. Die Zisterne und der Brunnen vor dem Eingang boten ihr Spiel und Arbeit gleichermaßen. Schon früh half sie dem Vater bei seinen Arbeiten oder vergnügte sich mit den Fischlein, die im klaren Wasser der Zisterne schwammen. Die Fischlein fraßen die Algen und sorgten mit ihrem Appetit für das reine und klare Wasser, das aus dem Brunnen vor der Zisterne floss.
Fatima wurde älter und bald war sie alt genug, dass sich der Wasserträger und andere Männer nach ihr umsahen, wenn sie am Brunnen half. Zahir hörte, wie sich die Leute am Brunnen erzählten, wie schön seine Fatima sei, und sah mit zunehmender Sorge, wie sich vor allem die Männer nach ihr umdrehten. Die schöne Tochter des Zisternenmeisters zog immer mehr männliches Jungvolk an, sodass Zahir beschloss, seine Tochter aus dem Blickfeld der Begehrlichkeiten zu entfernen.
»Fatima, mein Augenstern, ich sehe mit großer Sorge, wie dich die Männer begehren, und zu deinem eigenen Schutz möchte ich, dass du die Zisterne von nun an nicht mehr verlässt. Ich werde mich bemühen einen geeigneten Mann für dich zu finden. Am besten einen, der auch meine Nachfolge als Zisternenmeister antreten will.« So sprach der Vater und Fatima fügte sich seinem Willen.
Ihr war es auch nicht sonderlich wichtig, draußen am Brunnenhaus zu helfen, sie mochte die Tiefe und Dunkelheit der Zisterne und spielte gerne mit den Fischlein. Auch dort gab es genug Arbeit, um dem Vater zu helfen. So kam es, dass Fatima nie mehr gesehen wurde und die Zisterne nicht nur vertraute Heimat, sondern auch ihr Gefängnis war und die Menschen Fatima bald vergessen hatten.
Die unterirdische Zisterne war riesig und Fatima liebte die großen, dunklen Hallen mit dem wasserspiegelnden Boden und den langen Säulenreihen. Mit einem kleine Boot und einer langen Stange konnte Fatima überall hin staken. Das war nun ihre Aufgabe, nachzusehen ob auch nirgends Wasser abfloss oder überlief. Manchmal saß sie in der Mitte der größten Halle, zwischen den Säulen, ganz still im kleinen Boot und hörte dem Hall der Wassertropfen zu, wie sie von der Decke der Zisterne ins Wasser fielen. Sie sah den sich ausbreitenden Ringen auf dem Wasser zu und lauschte der Musik der Tropfen, die sich ähnlich der Wasserringe ausbreitend in der Tiefe der Zisterne verloren.
Ganz tief im Inneren der Zisterne, in der hintersten Halle, lag das Antlitz der Göttin Unalysra. Es hieß, dass sie die Zisterne geschaffen habe, damals, als die Feinde aus dem Westen kamen und die Stadt belagerten. Die Feinde nahmen den Hafen ein und bauten vor den mächtigen Stadtmauern ihre Zeltlager auf. Die Feinde waren geduldig und warteten viele Tage und Monate, bis den Menschen der Stadt Nahrung und Wasser ausgegangen war. Das Volk hungerte und litt Durst, als auch der letzte Brunnen versiegt war in der Hitze des Sommers. Da blieb ihnen nur noch das Beten und sie beteten zur Schutzgöttin der Stadt, der Göttin Unalysra. Man sagte, dass sie zwei Tage und Nächte lang zusammen mit dem Sultan zur Göttin gebetet hatten und am Morgen des dritten Tages erhörte die Göttin ihr Flehen. Sie stieg hinab in die Tiefen der Erde und schuf eine gewaltige Höhle, die sie mit Säulen stützte, und wies das Wasser der Berge an, in diese Höhle zu fließen. Dann, so erzählte man sich, schlief sie ermüdet von dieser Arbeit am Ende der Zisterne ein. Doch der Stein war noch ganz nachgiebig von ihrem Zauber, mit dem sie die Zisterne geschaffen hatte, und so kam es, dass das Antlitz der Göttin sich während des Schlafes in den Stein grub.
Fatima liebte diese Geschichte, und wann immer sie sich einsam fühlte, ging sie zum Antlitz der Göttin Unalysra und sprach mit ihr, bat um ihren Schutz und fühlte sich geborgen bei ihr.
Sie kannte auch die Geschichte des Turms, der sich genau hier über dem Antlitz der Göttin befand. Ihr Vater hatte sie ihr erzählt, als sie noch ganz klein war. Es war vor vielen Jahren, da kam der Sultan persönlich aus dem Palast in die Zisterne. Nachdem einige seiner Höflinge krank geworden waren, wollte er sich selbst überzeugen, dass das Wasser der Zisterne rein und nicht verdorben war. Er besichtigte jede der Hallen, bis er an das Ende der Zisterne kam und das Antlitz der Göttin sah. Es traf ihn wie ein Blitz, die Liebe in seinem Herzen loderte auf und war durch nichts mehr zu löschen. So kam es, dass der Sultan das geliebte Antlitz jeden Tag sehen wollte, und als er sah, dass es sich unter dem Garten des Palastes befand, da ließ er graben und ein Loch in den Stein der Höhle hauen. Er baute einen Turm über dem Antlitz der geliebten Göttin Unalysra und stieg von da an jeden Tag über die lange Wendeltreppe hinunter, um die Nachtstunden bei seiner Geliebten aus Stein zu verbringen. So verging die Zeit und er erweichte auch das Herz der Göttin, so erzählte man sich. Eines Tages nahm sie ihn zu sich und er ward nie wieder gesehen, noch fand man je seinen Leichnam. Seine Familie trauerte sehr und sie mauerten die Tür des Turmes zu, auf dass niemand mehr hinunter stiege in die Zisterne und so verschwand, wie es dem Sultan geschehen war. Nur das Fenster ließen sie offen, denn da war auch die Hoffnung, dass er eines Tages zurückkehren könnte. Der Sultan aber blieb verschwunden. Über die Jahre geriet die Geschichte so wie der Turm in Vergessenheit und diente nur noch den Erzählungen der Alten im Palast und in der Stadt.
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und noch etwas mehr davon erzählt von Rena Larf, 1000 Miks online Radio - der Märchengarten: anhören
